RuhrWort . Jahrgang 44 Nr.48 30. November 2002
Ein Foto von Elisabeth und Nikolaus Groß steht im Mittelpunkt einer neuen Kunstinstallation in Herz Jesu, Gelsenkirchen-Resse. Die Pfarrei benannte am vergangenen Samstag auch das Nikolaus-Groß-Forum,ihre Jugend-Etage (Bericht folgt) nach dem Seligen. Mit Irmi Seilhorst (36), Grafik-Designerin und Goldschmiedin, sprachen wir über ihr 1,20 mal 4 mal 3 Meter großes Werk.
Frage: Sie gestalten in Ihrem Werk das historische Foto in einem neuen Umfeld. Wie beschreiben Sie Standort, Aussehen und Intentionen ihrer Arbeit? Irmi Sellhorst: Die Gedenkstätte für den seligen Nikolaus Groß, seine Frau Elisabeth und für die Märtyrer/innen des "Dritten Reiches" befindet sich hinten in der Kirche in der Nische unter einem Kirchenfenster. Das Werk wird bestimmt von sieben mit roter Acrylfarbe und Seil bearbeiteten Leinwänden unterschiedlicher Größe. Rot ist die Farbe der Märtyrer, des Ausdrucks von Gewalt und Schmerz, aber auch Zeichen von Wärme, Nächstenliebe, von Begegnungen und Augenblicken4 die unvergessen bleiben, tragen. Darüber hinaus findet sich im Werk die "Namensleiste" der Märtyrer und Märtyrerinnen des "Dritten Reichs".
Meine Installation ist dreigeteilt:
Im linken Bereich ist der handschriftliche Abschiedsbrief von Nikolaus Groß gedruckt auf einer Folie zu sehen. Den Brief stellte sein jüngster Sohn, Bernhard Groß, für das Werk zur Verfügung. Ein 2,50 Meter hoher Plexiglaswinkel bildet zudem in Verbindung mit drei Leinwänden einen Raum. Hier finden sich Bilder vom Volksgerichtshof, die des Galgens und einer Zelle. Im mittleren Teil erinnern die Rahmen zweier zusammengeschweißter ausrangierter Kirchenfenster an die Hinrichtungsstätte Berlin-Plötzensee. Von einem der Rahmen geht eine lichtdurchlässige blaue Kunststoffbahn aus und führt nach unten. Ihr Blau ist die Farbe des Himmels, des Unfassbaren, Unendlichen, die des lebendigen Wassers. Blau steht zudem für die Anwesenheit Mariens und des Mütterlichen. Die blaue Bahn verbindet das im Mittelpunkt stehende Foto der Eheleute Groß mit einem waagerechten Schriftzug - dem Zitat von Nikolaus Groß: "Wenn wir jetzt nicht unser Leben einsetzen, wie können wir dann vor Gott und unserem Gewissen bestehen." Diese Linie wird so zum Kreuzesbalken.
Im rechten Teil der Installation ist ein Wort von Marie-Luise Kaschnitz zu lesen: "Die andern aber, die sterben mussten, ehe ihre Werke vollendet, ihre Gedanken gereift und ihre schöpferischen Hoffnungen erfüllt worden sind, bedeuten unsere eigentliche Armut und unsere eigentliche Not. Um ihres Todes willen werden die Herzen künftiger Generationen karger und die Grenzen ihres Geistes enger gezogen sein. Ihre Farben fehlen auf den Bildern, ihre Worte in den Versen und ihre Gedanken in der Erkenntnis des Geistes der kommenden Zeit." Im Anschluss daran sind Bilder von Nikolaus und Elisabeth Groß als Jugendliche sowie als Vater und Mutter mit Kind zu sehen.
Frage: Kunst macht aus der Sicht von Betrachtern besonders dann Sinn, wenn sie eine Beziehung der Menschen zum Werk anstößt. Wie entstand die Idee zu dieser Dauer-Installation in der Kirche?
Sellhorst: Es gibt in unserer Gemeinde schon eine langjährige Auseinandersetzung mit Nikolaus Groß. Firm-, Kinder- und Jugendgruppen haben sich intensiv mit dem Buch "Sieben um einen Tisch" befasst. Sie fühlen sich verstanden und ernst genommen, lassen sich berühren von seinen Formulierungen, die ihre Sicht der Welt in den Mittelpunkt stellen.
Die KAB hat Tradition in Resse, auch der Bergbau hat unseren Stadtteil geprägt. Von daher spricht auch die Botschaft des früheren Bergmanns Nikolaus Groß Menschen in Herz-Jesu an. Frage: Sie haben sich als Künstlerin bewusst auch mit Elisabeth Groß auseinander gesetzt. Warum?
Sellhorst: "Ohne sie hätte der Vater seinen Weg nicht gehen können", sagt Bernhard, der jüngste Sohn von Elisabeth und Nikolaus Groß. Elisabeth Groß ist untrennbar mit ihrem Mann verbunden, er verdankt ihr sehr viel. Ohne ihre Willensstärke und Glaubenskraft, ohne ihre Bereitschaft, seine Entscheidung mitzutragen, hätten beide alles so nicht gemeinsam durch "leben" können. Die starke Verwurzelung beider im Glauben kennzeichnet auch ihre Begegnung am 18. Januar 1945 mit ihrer letzten zärtlichen Berührung. Am Ende zeichneten sie sich gegenseitig ein Kreuz auf die Stirn.
Frage: Wie hat die Gemeinde Idee und Werk aufgenommen?
Sellhorst: Erst mit dem Festhochamt des 23. November ist die Gedenkstätte für unsere Gemeinde sichtbar geworden. Direkt nach der Messe gab es zahlreiche positive Reaktionen. Zu einer intensiven Auseinandersetzung kann es erst jetzt kommen. Dazu möchte ich die Gemeindemitglieder und Interessierte herzlich einladen. Nehmen Sie sich Zeit zur Betrachtung, zum Sehen, zum Nachdenken, zu Beten...