
Weihnachten in Pax Christi: Die Krippe Jesu Christi inmitten der Opfer tödlicher Gewalt aus allen Völkern + Stämmen + Nationen + Weltanschauungen, darunter auch Nikolaus Groß
Der Name von Nikolaus Groß ist in der Pax-Christi-Kirche in Essen auf den Boden geschrieben, nahe bei den Namen von Erich Klausener, P. Alfred Delp SJ , Abbé Franz Stock - unter bisher insgesamt 1003 Namen: von Christen, Juden, Moslems, Glaubenden und Nichtglaubenden, Gefallenen der Kriege, KZ-Opfer ebenso wie Menschen, die durch Kriege auf Straßen und in Häusern heute, durch Mafia und Terrorismus getötet wurden. Die Namen sind auf Tontafeln gebrannt und in den Boden der Unterkirche (das Gotteshaus hat zwei Ebenen) eingelassen.
Dazu 80 Namen von Ländern und Orten. Es sind Orte und Namen, die man kennt: Belfast, Stalingrad, Biafra, Lhasa, Temesvar, München 1972, Peking 1989, Heysel-Stadion 1985, Melanie und Karola Weimar, Hanns-Martin Schleyer und sein Fahrer Heinz Marcisz, John Lennon, Dietrich Bonhoeffer, John F. Kennedy, 900 Menschen der People's Temple-Sekte - 1978 in den Massentod getrieben, Savonarola, Sophie und Hans Scholl, Maximilian Kolbe, Edith Stein, Anna Göldin - letzte hingerichtete Hexe in Europa, sieben Trappisten - 1996 in Algerien ermordet, Mädchen und junge Frauen aus Flandern - 1996 für die pornographische Szene mißbraucht und getötet; Namen, deren Klang Entsetzen und Trauer erzeugt: Treblinka, Verdun, Hiroshima. Und manche Steine bleiben Steine des Anstoßes: Opfer neben Tätern, die selbst Opfer wurden; Orte des Massakers neben Orten der Rache: Kirjat Schmonah und Maalot in Israel neben sechs südlibanesischen Dörfern.
Nicht um eine 'Topographie der Täter' oder um eine 'chronique scandaleuse' geht es in dieser Kirche, auch nicht darum, Schuld (anderer) unauslöschlich festzuschreiben, - es geht um Erinnern dessen, was 'menschenmöglich' ist und um die Anfrage nach Umkehr und Gewissen bei jedem selbst.
Der Gedanke, die Namen von Opfern tödlicher Gewalt in den Grund der Kirche einzuschreiben und sie im Gottesdienst zu nennen, ist 1949 mit Gründung der Pfarrei gekommen. Es sollten die Erfahrungen mit Diktatur, Krieg und Gewalt beim äußeren Wiederaufbau nicht vergessen, sondern zum Anstoß werden, sich einzusetzen für Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit - im Sinne Jesu Christi. Daher auch der Name der Kirche: Pax-Christi - Friede von Christus! Von ihm ist als wahrhaft zündender Funke in die Menschheitsgeschichte die radikale Botschaft gebracht worden von Wert und Würde eines jeden Menschen, ob Frau oder Mann, Freund oder Feind, und gleich aus welchem Volk, welcher Rasse, Weltanschauung oder politischen Richtung. Kein Mensch ist deshalb Herr über das Leben eines anderen, niemand darf es beschädigen oder gar zerstören.
Bei den Namen auf dem Boden der Kirche hat eine Besucherin, ehemals KZ-Häftling, aus ihrer Erfahrung treffend die Konsequenz gezogen: "Was mir passiert ist, soll keinem anderen Menschen passieren, auch meinem schlimmsten Feind nicht!", also könnte man hinzufügen: "keinem Kurden in der Türkei, keinem Christen bei Kurden, keinem Juden bei Palästinensern, keinem katholischen bei protestantischen Iren - und umgekehrt!"
Aber die Bedrohung bleibt: "Es ist der Mensch, der den Menschen bedroht". Gleichsam vor aller Augen wird Tag für Tag das Leben von Frauen, Männern, Jugendlichen und Kindern durch Heimtücke, Lieblosigkeit, Brutalität, Terror oder Verrat ausgelöscht. So geht das "Auf-den-Boden-schreiben" von Namen weiter (In der Regel wird alle vier Jahre ein neues Namenfeld eingefügt).
Inzwischen ist die Pax-Christi-Kirche zu einem Anziehungspunkt für viele Menschen geworden: Schulklassen, Firmgruppen, Pfarrgemeinden und viele Einzelbesucher kommen und lassen sich bewegen von Schicksalen, von dem, was Menschen aus allen Epochen durch Menschen erlitten, was Menschen gewagt und durchgestanden haben. Viele Besucher sind überrascht, daß hier eine Kirche und Gedenkstätte ist, in der allein der Titel 'Mensch' zählt.
Von den NAMEN "aus allen Völkern + Stämmen + Nationen + Religionen, aus allen Zeiten + Zonen" , nach der Konfrontation mit Elend und Glanz des Menschen steigen die Besucher hinauf in die sogenannte Oberkirche, die in Raumgestalt und künstlerischen Zeichen der Hoffnung Ausdruck gibt, daß Trauer und Tod nicht das letzte Wort behalten; für Christen eine Hoffnungsvision, die Kräfte und Richtwerte für verantwortliches Leben zu jeder Zeit vermittelt.
Pfr. Franz-Josef Steprath
Pax Christi Gemeinde
Aus dem Buch:
"Nikolaus Groß, Arbeiterführer - Widerstandskämpfer - Glaubenszeuge,
Wie sollen wir vor Gott und unserem Volk bestehen?"
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